Max-Planck-Gymnasium

„Wo kommen Sie her? – Von drüben?“

DDR-Flüchtling Axel Mitbauer besucht am 1. Februar 2012 das Max-Planck-Gymnasium Heidenheim und schildert vor 160 Schülern seine Flucht 1969  in den Westen
 
 
Nach einer kurzen Eröffnungsansprache zu den damaligen Lebensstandards in Ost und West bedankte sich Frau Freybote, Schulleiterin des Max-Planck-Gymnasiums Heidenheim, bei der kreativen Gestaltung des Geschichteunterrichts.

Besonderen Dank sprach sie der Vereinigung der Freunde des MPG für die finanzielle Realisierung des Projekts aus, sowie Herrn Thomas Wagner, der als Geschichtslehrer am MPG diese Veranstaltung erst möglich gemacht hat. Sophie Imdahl, Schülerin der KS2, verlas vor den 160 versammelten Schülern einige zusammenfassende Worte zur Person Axel Mitbauers. Sie erwähnte auch, dass 5609 Menschen nach dem Mauerbau die Flucht über die Ostsee wagten, der letzte am 2. September 1989. Nur 913 kamen tatsächlich an. Die Menschen versuchten mit Faltbooten, Kajaks, mit Segel- und Schlauchbooten, surfend, selbst gebauten Mini-U-Booten oder schwimmend nach Schleswig-Holstein, Dänemark oder Schweden zu kommen.
 
In eineinhalb Stunden schilderte Axel Mitbauer, Jahrgang 1950, Ex-Schwimmer und DDR-Meister über 400m Freistil, seine Flucht 1969 in die Bundesrepublik.
 
Die Eltern von Mitbauer hatten beiderseits Privatbetriebe und so wurde auch ihr Sohn am 3. März 1950 in eine bürgerliche Familie hineingeboren. Bereits mit 12 Jahren wird er als Talent für den Schwimmsport entdeckt und vom Staat gefördert. Durch intensives Training („Bis zu 16 Trainingseinheiten pro Woche“) und systematische Talentförderung schafft es Mitbauer mehrfach zum DDR-Meister und wird 1968 sogar zu den Olympischen Spielen in Mexiko City zugelassen. Er gehört Ende der sechziger Jahre zu den zehn besten Schwimmern der Welt.
Doch er wird mit dem System in der DDR immer unzufriedener und erkundigt sich bei einem Wettkampf in Budapest nach Fluchtmöglichkeiten in den Westen. Als jedoch seine Fluchtpläne auffliegen, wird er für 7 Wochen von der Staatssicherheit in Haft genommen, von Olympia ausgeschlossen und schließlich auch für den Schwimmsport gesperrt.
 


Auf einer Feier hört er schließlich von der Möglichkeit, den Westen von Boltenhagen, welches östlich von Lübeck gelegen ist, aus schwimmend zu erreichen. Auf einem Atlas schaut er nach, wo Boltenhagen liegt. Boltenhagen ist das westlichste Ostseebad der DDR gewesen. Im August 1969 springt er vor Schwerin aus dem hinteren Teil eines Zuges, um so den Stasi-Bewachern zu entkommen. In Boltenhagen studiert er eine Woche lang die Grenzkontrollen, bemerkt, wie die riesigen auf Lastwagen montierten Scheinwerfer für eine Minute in der Stunde zur Kühlung ausgeschaltet werden. Am 17. August 1969 geht der ehemalige Spitzenschwimmer in der Bucht bei Boltenhagen ins Wasser, um die 25km Richtung BRD zu schwimmen. Als kurz vor 21 Uhr die Scheinwerfer erlöschen, geht Mitbauer mit Badehose, Schwimmflossen und eingecremt mit dreißig Tuben Vaseline in die 18 Grad kalte Ostsee. Gegen Mitternacht erreicht er völlig erschöpft und ausgekühlt die Boje 2A, klammert sich an diese und wartet stundenlang, bis ihn um 7.14 Uhr die Fähre „Nordland“ aufnimmt. Ein Passagier hatte ihn entdeckt. „Wo kommen Sie her?“, fragt der Kapitän. „Von drüben“, antwortet der gebürtige Leipziger. „Das hört man“, sagt der Kapitän und bringt ihn in Travemünde an Land.
 
Für Mitbauer beginnt nun ein neues, „normales“ Leben in der Bundesrepublik Deutschland. Für seine Mutter jedoch nicht. Sie wird am Morgen nach der Flucht von der Stasi festgenommen. Sie soll sich von ihm lossagen, will das jedoch nicht und verliert daraufhin ihre Beschäftigung. 1976 holt Mitbauer sie in den Westen.
 
Mitbauer selbst muss feststellen, dass er als Sportler von den Ergebnislisten und Teamfotos der DDR getilgt wurde. Nach zahlreichen Probleme („Was macht Ihr, wenn Ihr keinen Nachweis für Euer Abitur habt?“) wieder in ein geregeltes Leben zu finden, schafft er es später zum Europameister im Schwimmen, studiert Sport und ist heutzutage als Schwimmtrainer in Karlsruhe tätig.
 
Diese besondere Gestaltung des Geschichtsunterrichtes machte es den Schülern des MPG möglich, Zugang zu Erlebnissen aus einer längst nicht mehr vorstellbaren Zeit zu bekommen und etwas besser zu verstehen. Der Dank gilt vor allem dem Max-Planck-Gymnasium Heidenheim, das für seine Schüler immer wieder Veranstaltungen derart organisiert, um den Unterricht kreativ zu gestalten.


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